Wenn enge Spaltmaße den Ausschlag geben

27.11.2017

Mit aufwendiger Generalüberholung wird Cat Longfrontbagger 345C L für Abbruch fit gemacht

DORTMUND/HAMM (SR) 

Abbruch bedeutet für eine Baumaschine Schwerstarbeit. Denn da geht es häufig mit brachialer Gewalt zur Sache, um harten Stahlbeton kleinzukriegen. Auch wenn die Geräte darauf ausgerichtet sind, Vibrationen und Stößen standzuhalten, werden Buchsen und Bolzen im Lauf der Zeit in Mitleidenschaft gezogen. So auch bei einem Cat Kettenbagger 345C L der Unternehmensgruppe Stricker aus Dortmund. Weil dort niemand auf den Einsatz dieses neun Jahre alten Schlüsselgeräts im Rückbau verzichten wollte, wurde dieses nach 11 024 Betriebsstunden aufgearbeitet. Um die volle Leistungsfähigkeit der 27 Meter langen Longfrontausrüstung wiederherzustellen, gab Stricker bei der Zeppelin Niederlassung Hamm eine aufwendige Instandsetzung in Auftrag, die einem von Zeppelin durchgeführten Rebuild entsprach. Das war keine Schönheitspflege, sondern diente dazu, den Longfrontbagger für ein weiteres Maschinenleben fit zu machen.

 

Bevor die einzelnen Reparatur-Schritte festzulegt wurden, hatten Servicemitarbeiter eine um-fassende Inspektion durchgeführt, um den Zustand der Baumaschine im Detail zu erfassen. Der Verschleiß wurde mittels Messungen ermittelt. Außerdem wurde die Reparaturhistorie der Vergangenheit berücksichtigt. „So wurde bei dem Bagger schon mal der Drehkranz in-standgesetzt und die Haupthydraulikpumpe erneuert, sodass wir diese beiden Bestandteile bei der Generalüberholung ausklammern konnten. Da bei uns jede Reparatur-Maßnahme im Detail dokumentiert wird, sind wir genau im Bilde über den Zustand der Maschine und können dementsprechende Rückschlüsse ziehen sowie erforderliche Maßnahmen einleiten“, ver-deutlicht Zeppelin Serviceleiter Bernd Meschede. Trotzdem blieb es nicht aus, nach der Durchsicht vor Ort die Maschine in der Niederlassung noch mal einer genauen Prüfung und Tests zu unterziehen, um mögliche Schwach- und Schadstellen aufzudecken. Dabei traten beim Motor tief eingeschlagene Ventilsitze und gebrochene Kolbenringe zutage – aufgrund der Belastungen im Abbruch keine ungewöhnlichen Schäden, die im Zuge der Überholung mitbehoben wurden. Nach einer intensiven Reinigung wurde der Bagger von den Servicemitarbeitern Olaf Biermann, Ulrich Heitkemper sowie Marc Backhaus in seine einzelnen Bestandteile zerlegt. Letzterer hatte bereits die Baumaschine im Außendienst betreut und daher die einen oder anderen Wartungsarbeiten vollzogen.

 

 

Mithilfe eines Farbeindringverfahrens wurde der Unterwagen inklusive Fahrschiffe auf Risse überprüft. Um am Longfrontausleger selbst feinste Haarrisse bloßzulegen, wurde eine Magnetpulverprüfung angewandt und Zentimeter für Zentimeter mit einer UV-Lampe untersucht. Ohne Ergebnis – am Ausleger zeichnete sich kein Riss ab. Anders am Unterwagen oder den Schwenkgetrieben. Sämtliche Risse wurden von geprüften Schweißern fachgerecht ver-schlossen. Die Niederlassung fertigte extra eine Montagehilfe an und erstellte eine Schweißanleitung, die das Vorgehen namens Pilger-Schritt-Verfahren dokumentierte. Damit beim Schweißen kein Verzug und keine Verspannung des 30 Zentimeter dicken Stahls auftraten, wurde dieser auf 50 Grad vorgewärmt. Hatte er die erforderliche Temperatur erreicht, wurde in kurzen Abschnitten geschweißt, dann sollte das Material wieder abkühlen.

 

 

Der Acert-Motor C13 wurde gemäß Vorgaben von Cat in der Niederlassung Köln general-überholt, wo Zeppelin ein eigenes Zentrum dafür unterhält. Das Serviceteam überarbeitete auch das Kühlerpaket, das Luftansaug- sowie das komplette Kraftstoffsystem. Neu verlegt wurden sämtliche Schläuche. „Das hört sich simpel an, aber nachdem die einzelnen Komponenten ausgebaut waren, lagen diese lose dar. Das war ein ganz schöner Wirrwarr und das musste man erst einmal ordnen“, zeichnete der Serviceleiter ein Bild von der Situation. Um von Anfang an für Klarheit und den Überblick zu sorgen, wurde jeder Stopfen plus Gegen-stopfen numerisch gekennzeichnet. Schließlich sollte jedes Bauteil bis hin zur kleinsten Schraube und Mutter wieder da eingebaut werden, wo es hingehört.

 

 

Bolzen und Buchsen wurden im Vorfeld ausgemessen und von Zeppelin Kollegen der Niederlassung Koblenz erneuert, die dazu umfangreiche Spindelarbeiten durchführten. „Bei den Bohrwerksarbeiten haben wir das Lagerspiel so eng wie möglich gewählt. Unsere Maßgabe war, die Abbruchausrüstung wieder in einen Idealzustand zu versetzen“, macht Bernd Meschede deutlich. „Nicht alleine im Karosseriebau bei Pkw gelten geringe Spaltmaße als Qualitätsmerkmal, auch bei uns kommt es auf engste Toleranzen an. Das Beispiel zeigt den hohen technischen Anspruch, den wir in Deutschland auch an Baumaschinen stellen. Das ist mit keinem anderen Markt vergleichbar“, führt Zeppelin Vertriebsdirektor Kay-Achim Ziemann aus.

 

 

Dass dem Qualitätsanspruch Rechnung getragen wurde, unterstrichen auch Jörg Kiehne und Hansjörg Stricker, beide Geschäftsführer der Stricker Holding, als sie sich zusammen mit Andreas Mohr, Geschäftsführer der Stricker Hartstein Industrie, und Betriebsleiter Karlheinz Rogalla vom Ergebnis überzeugten: „Die Generalüberholung ist ein Vertrauensbeweis in die Maschine von Cat, aber auch in die Leistung des Zeppelin Service.“ Dieser sorgte nicht nur dafür, dem Cat 345C L seine Leistungsfähigkeit wieder- zugeben, sondern auch Arbeitssicherheit wiederherzustellen. So wurden etwa Schutzvorrichtungen instandgesetzt. Das Dachfenster war blind und wurde ebenso ausgetauscht wie die mit Rissen durchzogene Frontscheibe. Die Wischwassertechnik wurde funktionstüchtig gemacht. Auch fehlende Tritt-stufen zur Kabine sowie zu Wartungspunkten wurden wiederhergestellt.

 

 

Bevor diese dann erstmals ein Fahrer besteigt, kommt der ganze Bagger auf den Prüfstand und muss vor seiner Auslieferung umfangreiche Test- und Messreihen durchlaufen. „Wir wol-len sichergehen, dass das Gerät reibungslos funktioniert. Entsprechende Sicherheit bietet auch eine Garantie, die mit Stricker vereinbart wurde“, so Bernd Meschede. Nach erfolgreichem Abschluss der Reparaturarbeiten wurde der Betriebsstundenzähler wieder auf null gesetzt. Auf Vorschlag der Servicemitarbeiter wurden Hydraulikzylinder des Cat 345C L in Anlehnung an die D-Serie schwarz lackiert.

 

 

Beim Rückbau der Oberfinanzdirektion Münster steht dem Bagger der Ersteinsatz nach ab-solvierter Fitnesskur bevor. Dort wird aber noch nicht die Longfrontausführung gefordert sein – das 13-stöckige Gebäude mit 40 Metern Höhe und Massen von 40 000 Tonnen Beton, 6 000 Tonnen Mauerwerk sowie 2 500 Tonnen Stahlträgern wurde bereits erfolgreich plattgemacht. Weil die Baumaschine eine hochbewehrte 1,80 Meter dicke Stahlbeton-Bodenplatte beackern muss, wird die Kurzversion eingesetzt, die bei der Generalüberholung unangetastet blieb. Die Probe aufs Exempel erfolgt im Anschluss. „Beim Abbruch des zweiten Rückbauabschnittes der Talbrücken Smanforde und Exterheide auf der A1 wird die generalüberholte Maschine inklusive Longfrontausleger dann ihre große Belastungsprobe bestehen müssen“, so Stricker-Geschäftsführer Andreas Mohr, welcher verantwortlich für die Abbruchsparte zeichnet.

 

 

Bis es soweit ist, erfolgt eine Übergabe und Einweisung des Fahrers durch Zeppelin. Ein Monteur wird jeweils den ersten Einsatz von Erdbau- und Longfrontausleger begleiten und eine Feinjustierung der Einstellungen inklusive der Hydraulik vornehmen. Da hat jeder Fahrer andere Vorlieben. Die einen wollen, dass Baumaschinen schneller, die anderen, dass sie wei-cher ansprechen. Solche Einstellungen können jedoch nur unter Last erfolgen. Das heißt, wenn mit Hammer, Greifer, Zange oder Pulverisierer gearbeitet wird. „Wir konnten bei Dreh-zahl und Hydraulikdruck bislang nur Grundeinstellungen vornehmen“, erklärt Bernd Mesche-de, „aber es lohnt sich, hier nochmal Zeit zu investieren, denn nur so bekommt man auch die volle Leistung, die gefordert wird.“

 

 

 

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Jörg Kiehne (Mitte) und Hansjörg Stricker (Dritter von links), beide Geschäftsführer der Stri-cker Holding, überzeugten sich mit Andreas Mohr (Vierter von rechts), Geschäftsführer der Stricker Hartstein Industrie, und Karlheinz Rogalla (Dritter von rechts), Betriebsleiter bei Stri-cker, vom Ergebnis vor Ort, das ihnen Zeppelin Vertriebsdirektor Kay-Achim Ziemann (Vier-ter von links), Zeppelin Serviceleiter Bernd Meschede (Zweiter von links) und die Servicemit-arbeiter Olaf Biermann (links), Ulrich Heitkemper (Zweiter von rechts) sowie Marc Backhaus (rechts) erstmals präsentierten.
Um am Longfrontausleger selbst feinste Haarrisse bloßzulegen, wurde eine Magnetpulver-prüfung angewandt und Zentimeter für Zentimeter mit einer UV-Lampe untersucht. Ohne Er-gebnis – am Ausleger zeichnete sich kein Riss ab.